#21
In der Theorie wusste er, dass es so etwas gab. Menschen, die für ihre Annehmlichkeiten oder Erfolge kaum einen Finger krumm machen mussten, weil sie Leute hatten, die das für sie übernahmen. Er selber war allerdings fernab solcher Kreise aufgewachsen. Seine Familie war nicht arm gewesen, aber dafür hatten seine Großeltern und sein Vater auch hart arbeiten müssen. Die Arbeit im Restaurant war kräftezehrend gewesen und trotzdem hatte man sie gerne gemacht. Die finanzielle Not hatten sie jetzt, wo sein Vater im Gefängnis saß und nichts zum Familieneinkommen beitragen konnte und seine Großeltern zu alt waren um weiter zu arbeiten. Die geringe Rente und der kleine Bonus an staatlicher Hilfe reichten kaum zum Leben. Immerhin war das Haus abbezahlt. Trotzdem ging Adrian neben der Schule arbeiten. Er wollte nicht, weil er einfach kein gutes Gefühl dabei hatte, seine Großeltern alleine zu lassen, aber was sein musste, musste halt sein. Besser wäre es, er könnte die Zeit, in der er Tische in einem Diner abräumte und säuberte, nutzen um zu lernen, aber daran, dass das Leben kein Wunschkonzert war, hatte er sich schon lange gewöhnt.
Kurzum: Er und River waren sehr unterschiedlich aufgewachsen. Was sie allerdings verband, war dass sie gerade keine Lust mehr zu diskutieren hatten und so schluckte Adrian sämtliche Antworten, die ihm in den Sinn kamen herunter und beließ es bei einem einfachen „Okay“.

Beim Schuppen sah er dann aber doch etwas unsicher zu River. „Bist du dir sicher?“ Er würde einfach so Geld hierfür bekommen? Okay, seine Familie hatte es scheinbar. Aber trotzdem, nur weil sie das hatten, hieß es ja nicht, dass sie es auch ausgeben wollten. Vor allem… „Wissen die, mit wem du das Projekt machst?“, fragte er dann etwas verunsichert und dachte für einen Moment nicht daran, dass Rivers schulischer Erfolg für seine Familie wohl wichtiger war, als dass der Sohn des städtischen Totfahrers versagte. „Aber ja, klar. Ich kann das Malen übernehmen.“ Davon war er ohnehin ausgegangen.

Dann kam sein Großvater und nachdem er wieder im Haus verschwunden war um Tomaten zu schneiden, zuckte Adrian kurz mit den Schultern. „Nein, eigentlich nicht.“ Ich will gerade nur mit dir alleine sein, du Idiot. „Aber manchmal schon. Im Grunde ist er aber voll okay. Nur halt… na ja, alt.“ Er sagte das, als würde das alles erklären, hatte aber keine Ahnung, wie weit das wirklich auch nur irgendwas für River klarstellte.
„Hast du einen Führerschein?“, fragte er dann, als River meinte, sein Onkel könne fahren, „mein Großvater würde uns bestimmt sein Auto leihen, aber ich hab keinen Führerschein. Ansonsten können wir aber auch mit deinem Onkel fahren, kein Problem.“ Der Schuppen wurde wieder abgeschlossen, dann sah er zu River. „Na dann, komm rein. Ich mach Essen. Dauert nicht lange.“ Immerhin hatte er alles schon vorbereitet.

Gemeinsam ging man also wieder in die Küche und nachdem Adrian sich die Schuhe ausgezogen und die Hände gewaschen hatte, setzte er einen Topf mit Pastawasser an und warf einen Blick auf das Schneidebrett mit fertig gewürfelten Tomaten. Na gut, dann gab es wohl Salat zu den Nudeln. Aus dem Kühlschrank holte er erst mal einen Topf mit Sauce, den er auf den Herd stellte und dann weitere Salatzutaten. Der Herd wurde angestellt, dann begann er in einer Routine das Grünzeug zu schneiden, das offensichtlich war, dass er das nicht zum ersten Mal machte. „Findest du hier eigentlich wirklich alles so scheiße?“, fragte er dann, während er Gurkenscheiben viertelte.